Triathlon
[h3]Das kleine Licht strahlt[/h3]
Jan wer? Mit einem tollen Schlussspurt sichert sich Jan Frodeno überraschend olympisches Triathlon-Gold - und bezwingt dabei sein eigenes Vorbild.
Von Thomas Becker, Peking
Wer vorankommen will im Leben, darf keine Rücksicht nehmen. Das ist im chinesischen Straßenverkehr nicht anders. Und so fuhr denn der Fahrer des Kleinbusses aus seiner Parklücke raus, so wie man das hier halt macht: ohne Blinker, mit Vollgas und laut hupend. Um ein Haar wäre er in eins dieser offenen Elektro-Autos gedonnert. "Was will der blöde Golfwagen da?" wird er sich gedacht haben, auf chinesisch natürlich. Empörtes Geschrei bremst ihn aus, wüste Beschimpfungen prasseln auf ihn und seinen Kleinbus nieder. Um ein Haar hätte er den Triathlon-Olympiasieger über den Haufen gefahren: Jan Frodeno.
Jan wer? Frodeno, seit einem Trainingslager vor fünf Jahren eigentlich nur noch Frodo. Am Montag ist er 27 geworden. Zum Geburtstag gab’s einen Gutschein für einen Kunstflug. Demnächst will er selbst den Flugschein machen. Er kommt vom Wellenreiten, fährt und isst gerne schnell, hat keine Freundin, startet für den Verein Tri-Sport Saar-Hochwald und geht am liebsten zu "Da Pepe" im Saarbrücker Nauwieserviertel: "Die beste Pizza der Welt."
Ungers Schatten
Frodenos größter Vorteil beim Rennen über die olympische Distanz (1500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer Rad, zehn Kilometer Laufen): "Dass mich international kaum einer kennt." Klar, er hatte schon ein paar gute Resultate (Zweiter beim Weltcup in Hamburg, Dritter in Korea, Sechster bei der WM 2007), wird in der Weltrangliste an elf geführt. Doch wenn die Medaillenkandidaten hinter dem favorisierten Weltranglisten-Ersten Javier Gomez aufgezählt wurden, fiel meist ein anderer Name: Daniel Unger, 30, Weltmeister 2007, zweifacher Weltcupsieger in diesem Jahr. Ein Vorbild sei er viele Jahre für ihn gewesen, sagt Frodeno: "Ich habe ihm viel zu verdanken."
Unger ist schon lange im Geschäft, verpasste Olympia 2004, als er kurz zuvor krank wurde. Ein Typ, der gut ankommt, der präsent ist und mit seinem Stirnband immer ein bisschen wilder aussieht als die anderen. "Sein Schatten wurde immer größer", erzählt Frodeno, "ich bin ja schon fast mit der Grubenlampe rumgelaufen." Ein Scherz. Mit wahrem Kern. Unger wurde Sechster. Als er Kumpel Frodo abgeklatscht hatte, kletterte er auf die Zuschauertribüne. In der ersten Reihe saß seine Freundin. Sie drückte ihn, küsste ihn, und dann saßen sie da und schauten auf die Leinwand, auf Frodos Jubelbilder. Sie sprachen nicht. Es gab nichts zu sagen. Als die deutsche Hymne gespielt wurde, stand Unger auf und klatschte. Er lächelte. Die Sonnenbrille schützte ihn.
In der Triathlon-Wohngemeinschaft
Jan Frodeno trug die Brille bei der Siegerehrung auf dem kurzen Haupthaar. Er sang mit, die rechte Hand am Herzen. Einmal musste er sich durch die Augen wischen, einmal ballte er die Faust, als wolle er sagen: Yes! Gold! "In den 90 Sekunden Hymne läuft dein ganzes Leben vor dir ab", sagt er später. Da muss bei ihm eine ganze Menge gelaufen sein. Frodeno wurde in Köln geboren, wuchs aber in Südafrika auf. "Meine Eltern hatten da Urlaub gemacht, und denen gefiel es so gut." Da war er zehn Jahre alt. 2004 kehrte er nach Deutschland zurück, da hatte er die ersten Triathlons schon hinter sich.
Für das Flugticket verkaufte er sein Fahrrad. Er zog in die Nähe von Sigmaringen, in die Nähe von Daniel Unger. Mit einem geliehenen Rad begann er professionell Triathlon zu betreiben. Bald wechselte er nach Saarbrücken, zum Olympia-Stützpunkt, lebt da in einer Triathlon-Wohngemeinschaft mit Anja Dittmer und dem Neuseeländer Kris Gemmel. Auch Ricarda Lisk lebt dort. Am Tag zuvor war sie als Fünfzehnte beste Deutsche im Damen-Rennen geworden. Sportdirektor Rolf Eberling sagte: "Es gibt so Tage. Das ist wie mit den Montags-Autos."
Das Rennen seines Lebens
Jan Frodeno hatte einen besseren Tag erwischt, einen verdammt guten sogar. Ihm glückte am Stausee des Flusses Wenyu, nicht weit von den berühmten Ming-Gräbern in Pekings Norden, wohl das Rennen seines Lebens. Der malerisch gelegene See ist auf drei Seiten von Bergen umgeben, weshalb man den Distrikt Changping auch das Kopfkissen Pekings nennt. Wirklich ausgeschlafen war Frodeno am Start jedoch nicht. "Ich habe keine zwei Stunden geschlafen, bin das Rennen im Kopf so oft durchgegangen, habe versucht, das zu visualisieren", erzählt er, "das war dann wie ein inneres Freilaufen." Dass es zum Spurt kommen würde, war ihm klar. Darauf hatte er sich mit Trainer Roland Knoll vorbereitet. "Ich hab versucht an mich zu denken, nicht an die Jungs nebendran, die die Besten der Welt sind."
Simon Whitfield und Bevan Docherty saßen bei der Pressekonferenz neben ihm. Die beiden sind Anfang dreißig, Olympia-Sieger von Sydney der eine, Olympia-Zweiter von Athen der andere. Sie haben schon viele Zielsprints erlebt in ihrer Karriere, auch gegen Frodeno. Docherty, der Neuseeländer, hat den Deutschen beim Weltcup in Korea auf den letzten Metern abgehängt; Whitfield, der Kanadier, fing 2000 in Sydney den Deutschen Vukovic auf der Ziellinie ab. "Jan hat gelernt aus seinen Niederlagen - leider", sagte der Drittplazierte Doherty mit einem Grinsen. Silbermedaillengewinner Whitfield gratulierte Frodeno ein ums andere Mal: "What a spectacular performance!" Und dann bedankte er sich bei seinem Sportsfreund Docherty für diesen wunderbaren Wettkampf, den sie sich mal wieder geliefert hatten, und überhaupt sei er stolz, sich all die Jahre mit solch großartigen Athleten zu messen. Jan Fredeno ist nun einer von ihnen.
